Saisonausblick: Was läuft?

Weltmeister? Bester Schweizer? Oder totaler Versager? Was ist diese Saison möglich? Und wohin zieht’s mich dieses Jahr?

Gut, ich gebe zu, ich bin etwas spät dran. Das erste Rennen ist schon vorbei und erst jetzt kommt der Saisonausblick? Nun, besser spät als nie. Also los. Der Saisonauftakt in Mailand ist, wie du vielleicht schon weisst geglückt. Als Schweizer Team durften wir an den italienischen Selektionen mitpaddeln und uns mit unseren südlichen Kollegen messen. Mit einer neuen persönlichen Bestzeit und einem zweiten Rang im B-Final bin ich sehr zufrieden. Das ich meine Zielzeit, die ich diese Saison über 1000m fahren wollte, gleich im ersten Rennen erreiche, hätte ich nicht gedacht. Ausserdem gewann ich im K2 mit Donat Donhauser die Silbermedaille über 500m und das in unserem ersten gemeinsamen Rennen.

Nun gut, das ist jetzt auch schon wieder drei Wochen her. Was kommt als nächstes?

Schweizermeister im Tessin und dann nach Osten

Bereits nächste Woche gilt es dann richtig ernst. Auf der Moesa im Tessin finden die Wildwasser Schweizermeisterschaften statt. Das Ziel ist klar: gewinnen. Doch hier gibt es nicht nur Schweizer zu schlagen, auch Athleten aus Deutschland, Italien und Frankreich sind am Start. Hier sehe ich seit langem wieder mal, wo ich im internationalen Vergleich stehe. Gleich das Wochenende danach geht es dann im Regattaboot in Richtung Osten.

In Bratislava messe ich mich dann im K1 und K2 gegen die Konkurrenz aus dem Ostblock. Nach dieser Regatta sollte ich ein gutes Bild davon haben, was dieses Jahr möglich ist. Denn das ist auch wichtig, denn nur einen Monat später findet die Regatta U23 EM statt. Einer meiner Höhepunkte dieses Jahr. Mein Ziel: 1000m unter 3:45 fahren und das B-Final mit meiner Anwesenheit bereichern. Ich freue mich schon jetzt auf die Wettkämpfe in Polen.

Ab aufs Wildwasser

Direkt von Polen aus reise ich weiter nach Bosnien. In Banja Luka nehme ich an meinem zweiten Wildwasser-Weltcup meiner Karriere teil. Die Strecke kenne ich bereits von meiner ersten Junioren EM, was die Konkurrenz angeht, kann ich im Moment nicht beurteilen, wo ich stehe. Ich liebäugle mit einem Platz im Sprintfinal und einer Top 10 Platzierung im Klassik. Eine zusätzliche Herausforderung wird noch sein, dass prompt während des Weltcups die ersten Prüfungen des Semesters meines Wirtschaftsstudiums anstehen. Wie und ob ich das unter einen Hut bringe, weiss ich heute noch nicht 😉

Nach dem Weltcup wird es kurzzeitig etwas ruhiger, bevor es dann im August weitergeht mit der WW-Europameisterschaft in Spanien. Doch diese EM ist für mich persönlich nur ein Vorbereitungswettkampf für was danach kommt: die U23 Weltmeisterschaften im Sprint. Diese WM wird mein absoluter Saisonhöhepunkt und ich werde mich nicht mit weniger zufrieden geben als einer Medaille. Dazu gibt es nicht mehr zu sagen.

 Komm wir verschieben alles auf dem Herbst

Doch obwohl der Höhepunkt durch ist, fertig bin ich noch nicht. Ganz und gar nicht. Die U23 WM in der Regatta wurde in den Herbst verschoben, weshalb ich auch im September noch in Form sein werde. Doch sie ist nicht das Einzige, was gross C zum Opfer viel. Auch der Abfahrt Weltcup in Frankreich auf dem äusserst anspruchsvollen Fluss Treignac wurde in den September verlegt. Ausserdem findet in Bratislava im September noch die Sprint WM im Wildwasser statt. Ja, richtig gelesen, Bratislava hat neben einer Regattabahn auch eine Wildwasserstrecke. Nach dem zweiten Besuch in Bratislava beruhigt sich die ganze Situation dann aber und es stehen «nur» noch die üblichen Marathons statt.

Vollgepumpt

Wie dir vielleicht aufgefallen ist, sind das ziemlich viele Rennen für eine Saison. Ehrlichgesagt wahrscheinlich die meisten Rennen, die ich in einer Saison bis jetzt gefahren bin. Ich habe immerhin eine ganze Saison zu kompensieren 😉 Im Moment fühle ich mich gut und bereit diese Saison anzupacken. Lasset die Wettkämpfe beginnen!

Die Saison 2020 in Zahlen

Anzahl fieser Viren 20201
Freie Wochenenden 2020 aufgrund des fiesen Virus27
Freie Wochenenden 201911
  
Durchschnittliche Distanz pro Training 2020 in kmCa. 11
Grösste in einem Training gefahrene Distanz 2020, in km162
Durchschnittliche Dauer eines Trainings 2020, in Minuten75
Längstes Training 2020, in Minuten946
  
Anzahl Wochen in Florida im Trainingslager verbracht7
Gefühlte Zustimmung für Trump in Florida im Februar, in Prozent90
Stimmanteil für Trump in Florida, in Prozent  51.2
  
Schwierigster gefahrener Bach dieses Jahr auf einer Skala von 1-64
Höchster Wasserfall auf diesem Bach, in Meter3-4
Anzahl von mir gefahrener Wasserfälle bis dahin1
Schiss in der Hose bevor dem Befahren1
  
Reisedauer für ein Training im nationalen Leistungszentrum Rapperswil 2019, in Minuten120
Reisedauer für ein Training im nationalen Leistungszentrum Rapperswil 2020, in Minuten7
  
Internationale Rennen 20201
Nationale Rennen 20204
Anzahl Schweizermeistertitel 20204
Stolz auf den erstmals gewonnenen 5000m Schweizermeistertitel auf einer Skala von 1-1010
  
Zufriedenheit mit der Saison, in Prozent404 Error: Saison nicht gefunden!

Highlight der Saison: Das Wochenende der Extremen

Trotz aller Absagen, Verschiebungen und anderen Unannehmlichkeiten, akzeptierte ich die Dinge wie sie sind und genoss das Jahr. Auf Grund all der freien Wochenenden, die ich plötzlich hatte, kommt mein Jahreshighlight ausnahmsweise auch nicht aus meinen Hauptdisziplinen Regatta oder Abfahrt. Das Highlight meiner Saison war das Wochenende der Extremen. An diesem Wochenende herrschten spezielle Wetterbedingungen, die die optimale Grundlage für die Kanudisziplinen Surfski und Wildwasserkajak boten. Am Freitag bliess ein starker Fön und es bildeten sich dadurch grosse Wellenberge, die sich mit dem langen Surfskiboot perfekt surfen lassen. Auf dem Vierwaldstättermeer surften wir von Flüelen bis nach Beckenried. Ein riesen Spass! In der Nacht auf Samstag schlug das Wetter um und es regnete in Strömen. Die Pegel unserer Lieblingsbäche stiegen immer weiter und wir planten das Hochwasser am Samstagmorgen auszunützen und auf die Reuss zu gehen. Am nächsten Morgen mussten wir feststellen, dass die Pegel so stark gestiegen sind, dass die Reuss die Autobahn A2 überschwemmte und wir daher nur schon rein logistisch unseren Plan verwerfen mussten. Wir entschieden uns für die kleine Emme als Alternativbach. Auch die Emme hatte mächtig Wasser und das Paddeln machte richtig Spass. Plötzlich wählte ich jedoch die falsche Linie und steckte in einer riesigen Walze fest. Eine Walze kannst du dir wie eine gebrochene Welle im Meer vorstellen (weiss und ganz viel Gischt und so), nur dass sie mitten in einem Fluss steht und nicht kleiner wird, so wie die Welle im Meer, wenn sie auf den Strand zurollt. Aus dieser Walze jedenfalls gab es kein Entkommen und ich musste mich aus meinem Kajak befreien und im reissenden Wasser ans Ufer schwimmen. Obwohl das ganze sehr unangenehm und etwas beängstigend war, bekam ich an meinem eigenen Leib wieder einmal mit, mit welchen Kräften wir Kanuten uns anlegen. Die eindrucksvolle Stärke des Windes und des Wassers bilden dieses Jahr mein Highlight der Saison.

Weitere Highlights sind die tolle Zeit im Trainingslager in Florida und der Kanu-Ultramarathon von Buochs nach Basel.

Lowlight der Saison: Abgesagte U23 EM Solkan

Schuld an meinem Lowlight war wie bei vielen anderen Leuten wahrscheinlich auch, das grosse C. Nach dem bereits unser Amerikaabenteuer durch die Absage der Elite WM ein vorzeitiges Ende nahm, stand im Mai auch zur Diskussion, ob die U23 EM durchgeführt werden sollte. Der internationale Kanuverband beschloss schliesslich dass die EM vom August in den November verschoben werden sollte. Im Mai machte das völlig Sinn. Wir freuten uns, dass sie nicht ganz abgesagt wurde. Als im August die Fallzahlen so tief waren ärgerte ich mich dann, dass die EM nicht doch jetzt stattfand, sondern wir uns im November den ***** abfrieren müssen werden. Als dann die Fallzahlen im September wieder zu steigen begannen, wurde ich immer weniger zuversichtlich, dass die EM stattfinden würde. Ich hatte den Wettkampf schon abgeschrieben, doch nun im Oktober kam die EM immer näher und andere Sportevents fanden trotz der erhöhten Zahlen statt. Zwei Wochen vorher war ich dann wieder zuversichtlich und motiviert. Kurz nach unserem letzten Vorbereitungsevent im Nationalkader wenige Tage vor unserer Abreise kam dann die Hiobsbotschaft und der Wettkampf wurde endgültig abgesagt. Das Hin und Her zehrte an den Nerven und ermüdete mich dieses Jahr am meisten.

Lustigster Moment: Championski Svizarski Schanzski Spronzski

Der lustigste Moment dieses Jahres geschah in Tschechien an meinem einzigen internationalen Rennen. Das Abfahrtsrennen fand auf einem künstlichen Kanal statt. Dieser Kanal hat im Fluss und am Ufer Plastikelemente, die Wellen, Walzen, Strömungen und Kehrwasser erzeugen, wenn Wasser von ihnen abgelenkt wird. Ich schaffte es zwar mit meinen Sprintläufen ins Finale, konnte mich jedoch nicht wirklich mit dem künstlichen Fluss des Kanals anfreunden. Beinahe jede Fahrt kam ich mit einem solchen Plastikelement ins Gehege. Ob Touchieren, direkt reinfahren oder drüber springen, irgendwie zogen mich diese Elemente fast magisch an. Zwar gewann ich das Rennen nicht, mein Trainer verlieh mir aber den (mit tschechischem Akzent ausgesprochenen) Ehrentitel „Championski Svizarski Schanzski Spronzski“, was mich ausserordentlich ehrte.

Insgesamt blicke ich aber auf ein gutes und in einem gewissen Sinn sehr entspanntes Jahr zurück. Die grösste Änderung im 2020 ist für mich wohl, dass ich nun in Rapperswil wohne und so noch näher beim Nationalen Leistungszentrum bin. So habe ich die besten Voraussetzungen im neuen Jahr voll durchzustarten und mich nach dieser langen Trainingsphase wieder in Wettkämpfen zu beweisen. Ich freue mich drauf!

Die Saison 2019 in Zahlen

Paddelkilometer, ungefähr 3139
Trainingszeit insgesamt, in h (ca.) 637
Davon im Kraftraum, ca 156
Zeit zusammen mit Maurus Pfalzgraf verbracht, in Tagen (ziemlich genau) 158
Zeit mit meiner Freundin verbracht, in Tagen (ungefähr) 68
Anzahl Länder bepaddelt 8
Anzahl Länder die an der WM in Szeged gepaddelt sind 108
Anzahl Blogbeiträge auf der Website 2017 8
Anzahl Blogbeiträge auf der Website 2018 7
Anzahl Blogbeiträge auf der Website 2019 2
Zeit ins Kanufahren investiert 2017, in h 588
Zeit ins Kanufahren investiert 2018, in h 630
Zeit ins Kanufahren investiert 2019, in h 637
Korrelation dieser Daten negativ
Anzahl Blogbeiträge geplant für 2020 6
Anzahl teilgenommener WMs 2019 3
Mögliche WM Teilnahmen 2019 für mich 4
Zufriedenheit mit der Saison, in Prozent 65

Highlight der Saison:

Der Höhepunkt dieses Jahr war nicht einfach zu bestimmen. In Frage kamen zwei grossartige Events. Besser gesagt WMs. Das sind die Regatta WM in Szeged (HUN) und andererseits die Abfahrt WM in La Seu d’Urgell. Die Weltmeisterschaften in Ungarn bestritt ich zusammen mit Maurus Pfalzgraf im Zweier. Nach einer enttäuschenden U23 WM den Monat zuvor konnten wir uns enorm steigern und katapultierten uns in einem tollen Rennen über die nicht-olympischen 500m in die Top 15 und in den olympischen 1000m in den C-Final. Die Rennen machten extrem Spass und bildeten einen tollen Abschluss für die Kanukarriere meines Partners Maurus. Danke für die coole gemeinsame Zeit. Sie wird mir auf deine menschenfreundliche und chaotische Weise in Erinnerung bleiben. Die WM in Spanien auf dem Olympiakanal von Barcelona war das andere Highlight. Als nur Eines von drei Wildwasserrennen dieses Jahr war die WM eher ein End-of-season Goodie, anstelle von eines seriösen Höhepunkts. Aber vielleicht war es genau das, was die WM für mich so erfolgreich machte. Im ersten Lauf hatte ich etwas Mühe in Fahrt zu kommen. Beim Zweiten kam der Stein dann ins Rollen und ich schaffte mein Ziel, die Finalquali. Im Endlauf fühlte ich mich, als ob ich Hinkelsteine rumwerfen könnte und erreichte das bisher beste Schweizer Resultat an einer WW-Weltmeisterschaft bei den Herren, den siebten Rang. Welch tolles Gefühl!

Lowlight der Saison:

Das war eindeutig die Regatta U23 WM in Pitesti Anfangs August. Zu diesem Zeitpunkt konzentriere ich mich schon ein ganzes Jahr völlig auf den Sport und sollte ein gutes Resultat abliefern. An der WM starte ich zusammen mit Maurus Pfalzgraf im Zweier, sowie auch in Einer über 1000m. Vorfreudig starten wir in die WM und tanzen an der Eröffnungsfeier zusammen mit den anderen Athleten einen rumänischen Volkstanz. Doch die Rennen laufen beschissen schlecht. Der Zweier harmonisiert nicht und im Einer habe ich kein Power. Maurus und ich erreichen knapp den B-Final und können uns nicht behaupten. Im K1 ist im Halbfinal Endstation. Der Grund für dieses Desaster war wohl, dass ich mir zu viel Druck gemacht habe. Im Vorfeld trainierte ich wohl etwas zu viel, Maurus dafür etwas zu wenig. Doch hauptsächlich fehlte mir die nötige Lockerheit. Nach den Rennen wollte ich zuerst alles über den Haufen schmeissen und das geplante Trainingslager und den Start an der Elite WM abblasen. Glücklicherweise tat ich das dann nicht. Ich hätte es bereut.

Merkwürdigster Moment:

Es war ein sonnig heisser Junitag. Um mich auf die bevorstehenden Wettkämpfe vorzubereiten trainierte ich in Rapperswil. An diesem Tag stand 90 Minuten Rennradfahren auf dem Trainingsplan. Ich radle mit dem Velo Richtung Einsiedeln den Berg hoch und nach der Hälfte wieder zurück Richtung Rapperswil. Ich schiesse den Berg herunter. 40 km/h, 50km/h immer schneller. Das Pflaster ist gut. Der Weg gerade genug breit für ein Auto. Auf beiden Seiten hohes Gras. Plötzlich springt etwa zwei Meter vor mir ein Wiesel aus dem Gras und hechtet über die Strasse. Überrascht bremse ich sofort und versuche dem Wiesel auszuweichen. Das gelingt mir zum Glück. Weniger glücklich ist die Katze, die dem Wiesel hinterhergejagt ist. Sie springt direkt vor mir auf die Strasse und ich spüre nur noch wie mein Lenker etwas ruckelt. Meinem Hinterrad kann sie glücklicherweise ausweichen. Zu meiner Erleichterung sprintet die Katze in Deckung und hat keine weiteren Schäden erlitten, soweit ich das beurteilen kann. Dem Wiesel habe ich jedenfalls das Leben gerettet. Immerhin das.

Alles in allem war es ein lehrreiches Jahr mit tollen Momenten, die ich erleben durfte. Ich habe gelernt, dass mehr nicht immer mehr ist, wenn’s ums Training geht. Ich durfte grossartige neue Menschen kennenlernen. Musste mich aber auch von Rückschlägen erholen und in schwierigen Momenten die Motivation wiederfinden. Trotzdem habe ich das Jahr 2019 genossen und möchte es nicht missen. Vielen Dank allen, die mich auf meinem Weg unterstützen und mir diese aufregende Lebenszeit ermöglichen. Ginger out.